Scorched Europe Tour 2025
HARAKIRI FOR THE SKY, DÖDSRIT, E-L-R,
03.04.25. WUK Wien
Ein Abend mit drei Bands – ein Wort: Atmosphäre.
Alle Formationen dieses Konzerts hatten ein gemeinsames Ziel: eine besondere Stimmung zu erschaffen, durch Klang, Dynamik und Emotion. Jede Band wählte ihren eigenen Weg, doch alle wollten dasselbe – das Publikum in eine andere Welt entführen.
E-L-R
Mit einem Stil, der sich nur schwer in Schubladen pressen lässt, bewegen sich E-L-R zwischen Atmospheric Doom, Post-Metal und Doomgaze – was sie jedoch wirklich vermitteln, ist eine hypnotische Klangreise, durchzogen von psychedelischen Akzenten.
Gegründet wurde E-L-R im Jahr 2016 in der Schweizer Hauptstadt Bern von Bassistin I.R. und Gitarristin S.M., die sich auch den Gesang teilen. Kurz darauf kam Schlagzeuger M.K. hinzu – eine perfekte Ergänzung, die den Sound der Band komplettierte. Bereits das Debütalbum Mænad sorgte für Aufsehen, doch mit dem 2022 erschienenen Vexier etablierten sie sich als eine der spannendsten Formationen ihres Genres.
Die Band erschafft Kontraste: Von gespenstischen, beinahe schwarzmetallischen Passagen bis hin zu zarten Klangstrukturen, die sich mit brachialen Riffs verweben. Melancholische Melodien, aggressiv vorgetragen.
Was auf den ersten Blick wie einfache Akkorde wirkt, entpuppt sich bei genauem Hinhören als komplex und detailreich. Über all dem schweben die sphärischen, fast ätherischen Stimmen der beiden Musikerinnen – ohne Screams, ohne Härte im Gesang. (Die kommen erst mit den nachfolgenden Bands.) Besonders hervorzuheben: Der wuchtige, markante Bass, der der Musik ein festes Fundament verleiht.
Das Publikum ließ sich schnell fesseln – von der Intensität, der Atmosphäre und der Klasse dieser Darbietung. (Es ist immer wieder beeindruckend, wenn eine Band mit nichts als Klang und Präsenz selbst die lautesten Störenfriede zum Schweigen bringt.)
Live entfalten E-L-R eine ganz besondere Wirkung – diese dichten Soundlandschaften, der hypnotische Flow, das ist fast tranceartig. Meandernde Doom-Epen im Downtempo, durchzogen von sich stetig wandelnden Phrasen, die sich in eleganten Loops wiederholen und dabei nie an Spannung verlieren.
Post-Metal kann live eine eigene, ganz besondere Magie entwickeln – wenn er so leidenschaftlich und intensiv gespielt wird wie hier. Eine echte Überraschung. Und ein großartiger Auftakt für den Abend!
DÖDSRIT
Mit DÖDSRIT beginnt ein völlig anderes Kapitel dieses Abends: Jetzt regieren harsche Black-Metal-Gitarren, gepaart mit Crust-Attitüde. Der Sound wird wütender, rauer, lauter – eine ganz andere Form von Intensität, die sofort unter die Haut geht.
Die Schweden begannen 2017 als Soloprojekt von Christoffer Öster, der damals eine explosive Mischung aus Black Metal und Crust Punk kreierte. Nach und nach stießen weitere Musiker hinzu, und mit wachsender Bekanntheit entwickelte sich auch der Stil der Band weiter. Drei Alben lang bauten sie sich eine solide Reputation auf, ehe sie mit Nocturnal Will im Jahr 2024 einen echten Meilenstein setzten – ein Werk, das international für Begeisterung sorgte und viele Jahreslisten anführte. Zwar haben sie dabei einen Teil ihrer rohen, punkigen Ursprünge gegen eine folkige Klangfarbe eingetauscht, doch dieser Wandel verlieh ihrem Sound neue Tiefe.
Die Wirkung dieses Albums war auch live deutlich spürbar: Die neueren Stücke fanden beim Publikum großen Anklang. Jeder Song basiert auf einer eingängigen, folkloristisch gefärbten Melodie, die von der Leadgitarre getragen und im Verlauf variiert und weiterentwickelt wird. Das Ganze ist technisch äußerst anspruchsvoll umgesetzt.
Besonders auffällig: Der Einsatz von drei Gitarren erzeugt live einen dichten, vielschichtigen Klangteppich, der sich wie eine gewaltige Wand aus Sound über die Menge legt – beeindruckend in seiner Komplexität und Wirkung.
Die Leidenschaft, mit der DÖDSRIT auf der Bühne agieren, wurde vom Publikum entsprechend honoriert: Es wurde ausgiebig mitgeheadbangt, und am Ende ernteten sie verdient kräftigen Applaus.
Ein kleiner Wermutstropfen: Einige Songs wurden mit kurzen Playbacks eingeleitet – hier hätte eine live gespielte Akustikgitarre einen natürlicheren Einstieg geboten. Zudem war der Soundmix an diesem Abend etwas matschig, was allerdings alle drei Bands betraf und wohl eher an der Technik als an der Band lag.
So oder so: Die Menge war nun bestens aufgewärmt – es konnte also weitergehen mit dem Headliner.
Setlist
01. Irjala
02. Shallow Graves
03. Celestial Will
04. Svart Aska
05. Nocturnal Fire
06. Apathetic Tongues
HARAKIRI FOR THE SKY
Seit über einem Jahrzehnt gelten HARAKIRI FOR THE SKY als eine der stilprägenden Größen im Bereich des Post-Black Metal. Mit ihrem bahnbrechenden Album III: Trauma und spätestens mit dem Erfolg von Maere erreichten sie internationale Aufmerksamkeit. 2024 folgte mit Scorched Earth ein Werk, das nicht nur ihre musikalische Reife unter Beweis stellt, sondern auch ihre ganz eigene Vision düsterer Klangkunst eindrucksvoll auf den Punkt bringt.
Das österreichische Duo – bestehend aus Gitarrist M.S. und Sänger J.J. – erschafft eine Klangwelt zwischen Melancholie, Wut, Selbsthass und tiefer innerer Zerrissenheit. M.S.‚ filigrane, oft bittersüße Gitarrenmelodien treffen dabei auf J.J.s expressive, fast schon gequälte Vocals, die inhaltlich zwischen Traumata, Delirium und existenziellen Abgründen oszillieren. Das Ergebnis: eine fesselnde Mischung aus Extreme Metal und Post-Rock – emotional, aufwühlend, einzigartig.
Die Erwartungen an ihren Live-Auftritt waren entsprechend hoch. Denn live wird ihr Sound – wie bei den meisten Bands – um einiges direkter, intensiver, heavier. Und genau das steht HARAKIRI FOR THE SKY ausgezeichnet, denn ihre Musik lebt von Gegensätzen und Kontrasten.
Das Set begann mit zwei Songs vom aktuellen Album. „Keep Me Longing“ mit seinem langsamen, sphärischen Einstieg war wie geschaffen, um in diese klangliche Welt einzutauchen. J.J. – wie immer voller Energie – brachte seine charakteristischen Schreie auf die Bühne, roh, emotional, kompromissfrei, und ergänzte sich perfekt mit den zarten Melodien von M.S.
Ach ja – kleine Randnotiz: J.J. kam in Pink auf die Bühne. Ein mutiger Move in einem Metal-Kontext, aber hey – Stil kennt keine Farbgrenzen!
Da HARAKIRI FOR THE SKY live keine reine Zweimannshow sind, erhielten sie Verstärkung von vertrauten Weggefährten: Marrok (bekannt von Anomalie) an der Rhythmusgitarre, P.F. (Karg, Nekrodeus u.v.m.) lieferte ein atemberaubendes Drumming, und am Bass überzeugte P.G. von Groza.
Mit „With Autumn I’ll Surrender“ wurde das Tempo angezogen – getragen von Marroks markanten Riffs und einem enorm druckvollen Rhythmus. Spätestens mit „Fire, Walk With Me“ gab es kein Halten mehr: Das Publikum tobte – nicht ohne Grund, denn dieser Song zählt zu den beliebtesten der Band und zündete live sofort.
„Heal Me“ präsentierte sich schwerer und massiver als auf Platte, mit starken Spannungsbögen und beeindruckenden Dynamikwechseln – ein echtes Live-Highlight. Und als J.J. seine Stimme auf „Funeral Dreams“ bis zum Äußersten trieb, war der emotionale Impact förmlich greifbar.
„Sing for the Damage We’ve Done“ ließ die Grenzen zwischen post-blackmetallischer Wucht und post-rockiger Verletzlichkeit verschwimmen. Tremolo-Picking, Melodien, rohe Energie – ein Wechselspiel aus Melancholie und Aggression, intensiv und mitreißend.
In „Without You I’m Just a Sad Song“ verdichtete sich die Atmosphäre nochmals – ätherisch, schwerelos und doch bedrückend. Die Tempowechsel und Breaks wirkten live besonders eindrucksvoll, und J.J. legte dazu eine fast schon theatralische Performance hin.
Natürlich wollten die Fans nach einem derart starken Set mehr – ein Zugabenruf, der nicht verhallen durfte. Die Band kehrte zurück mit „Lungs Filled With Water“ – dem Song, der einst ihr Tor zur Welt öffnete. Noch einmal verwandelte sich das Publikum in ein emotionales Kollektiv. Zum Finale stieg J.J. in die Menge und sang zwischen den Fans weiter – Gänsehautmoment.
HARAKIRI FOR THE SKY live – das ist Musik als Kontrastprogramm: Schmerz und Schönheit, Verzweiflung und Melodie, rohe Energie und fragile Klangwelten. Schon jetzt eine legendäre Band – und ein unvergesslicher Auftritt.
Von der schwelenden Intensität von E-L-R über den Feuersturm von Dödsrit bis hin zur emotionalen Katharsis von Harakiri for the Sky – dieses Konzert lieferte nicht einfach nur Musik, es beschwor einen Sturm der Stimmungen. Unvergesslich.
Setlist
01. Keep Me Longing
02. With Autumn I’ll Surrender
03. Fire, Walk With Me
04. Heal Me
05. Funeral Dreams
06. Sing for the Damage We’ve Done
07. Without You I’m Just a Sad Song
Encore:
08. Lungs Filled With Water